Im Laufe meiner Arbeitsjahre konnte ich verschiedene Schulen und Ihre Konzepte kennenlernen. Kinder und Jugendliche mit dem ungeheuren Leistungsdruck umgehen zu lehren, ohne daran völlig zu verzweifeln, ist mir ein großes Anliegen. Wenn ich in den Schülerinnen und Schülern ihre Begeisterungsfähigkeit und natürlich Neugierde am Lernen wieder erwecken kann und sie sie diese sich entlang der Schuljahre erhalten können, dann macht mich das sehr froh.
Wir befinden uns in einem Gesellschaftssystem, in dem alle immer bewertet werden und sich daran gewöhnt haben. Wir kennen es kaum anders. Dennoch stellte ich mir immer wieder die Frage, ob es wirklich notwendig ist, dass Lernstoff ständig abgefragt werden muss, die Kinder einem immer währenden Konkurrenzkampf ausgesetzt werden müssen und sie damit nie zu einer inneren Ruhe kommen können. Selber konnte ich bei mir feststellen, dass alles, was ich mir in einem Zustand von Stress aneignen musste, nicht lange vorhielt und nicht ins Langzeitgedächtnis kam. Ein Testergebnis ist ein Zeugnis des einen Moments , in dem der Test geschrieben wird. Mehr nicht. Zu dem Testergebnis haben verschiedene Ausgangsbedingungen geführt: Zeigen wollen, dass man den Lernstoff nun kann. Druck, sich beweisen zu müssen. Der Beste sein zu wollen oder zu müssen. Es schaffen zu müssen und dabei die inneren Fragen zu bewegen: Was erwartet der Lehrer von mir? Wie sicher fühle ich mich? Wer schaut auf mich? Was befürchte ich? und so fort. Es ist nicht nur eine Feststellung über ein angelerntes Wissen. All das führt dazu, dass das Testergebnis nicht ein Ergebnis ist, das wirklich allein über den aktuellen Wissensstand Bescheid geben kann.
Es ist nicht immer die Antwort auf die Frage, wie gut etwas erlernt wurde und vor allem, ob es wirklich verinnerlicht wurde. Ist dieses Dauerbewertungssystem nicht einfach auch ein Disziplinierungsprinzip? Dann sind alle auf “Spur”. Gibt es nicht andere Methoden, nach denen man einen Lernzuwachs erkennen kann, und die die Schüler weniger unter Dauerdruck setzt? Diese Frage bewegt mich, seit ich Lehrerin bin.
Lesen
Ich bin übrigens sehr dafür, dass Kinder und Jugendliche des Lesens wieder mächtig werden. Dazu gehört mehr als die reine Lesetechnik. Die Aufmerksamkeit und die Konzentration auf einen auch längeren Text zu lenken, um diesen geistig zu durchdringen und darüber reflektieren zu können, ist wichtig. Das übt zum einen das Nachvollziehen des Gedankenganges eines anderen Autoren und zum anderen das eigene Denken und Reflektieren. Wer liest, kann sich freier und fundierter eine eigene Meinung bilden, als jemand, der auf “bunte Bildchen” angewiesen ist, die vorausgesucht und bearbeitet sind, um eine bestimmte Denkrichtung zu erzeugen. Freies, klares, weniger manipulierbares Denken ist elementar für eine funktionierende Demokratie.
Im Laufe meiner beruflichen Laufbahn in verschiedenen Schultypen habe ich meine Wahrnehmungsfähigkeit geschult und verfeinert. Es interessierte mich schon immer, warum sich ein Kind so oder so verhält. Dafür gibt es Gründe. Denen will ich nachgehen. Bis heute erforsche ich, wie ich mich derart wahrhaftig und hilfreich für das Kind verhalten kann, das ich gerade vor mir habe, damit es sich sicherer fühlt und entspannen kann. Dann können wir gut zusammen lernen. Auf diese Art und Weise zu unterrichten, hat mich geleitet und ich versuche den SchülerInnen insofern gerecht zu werden, indem ich zu verstehen suche, was genau ihnen schwerfällt, wo Begabungen liegen und wie ich Ihnen durch geeignete Angebote helfen kann Klippen zu überwinden, das Gute und das Talent zu sehen.
Gerald Hüther hat ein Buch geschrieben, das da heißt: “Jedes Kind ist hochbegabt” (sehr empfehlenswert!).
Begabungen sind Verhaltensweisen, Wissen oder Kenntnisse, die gezeigt werden können, ohne dass es Mühe macht.
Ich möchte wieder die Freude am Lernen rüberbringen. Ich nehme den jungen Menschen von allen Seiten wahr. Ich bin neugierig, wer da vor mir sitzt. Vor allem spielerisch und kreativ gehe ich an Lernstoffe heran, um Neugierde zu wecken und unangenehm besetzte Themen in einen erfreulicheren Kontext zu stellen. “Ah, das macht ja Spaß”, kommt dann öfters. Ein entspanntes Kind oder Jugendliche/r traut sich auch wieder an fordernde Lerninhalte heran und erlebt, dass Lernen und ein sich Erarbeiten freudvoll sein kann. Aus meiner Erfahrungsschatzkiste kommen immer wieder neue, altersgemäße Ideen. Das ergibt sich aus dem Zusammenspiel der Schülerin/des Schülers und mir. Die gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist das Wichtigste beim Lernen. Das Herz ist beim Lernen immer mit dabei (oder sollte es sein).
Die herkömmliche Schule ändert sich nur sehr langsam. Bei uns besteht Schulpflicht und manch strukturelle Situation lässt sich nicht einfach ändern. Ein großes Anliegen von mir ist, dass die Schüler lernen können, damit besser umzugehen ohne sich aufgeben zu müssen, mutlos oder gar krank zu werden. Es ist für manchen jungen Menschen weit wichtiger, die Schule unbeschadet für das Selbstgefühl zu überstehen, als dem Leistungswahn nachzueifern und die Hoffnung in der Schule und auf das gute Leben zu verlieren. Es ist auch dann ein “Schulerfolg”, wenn es kein Einser-Abschluss ist.
Kinder und Jugendliche brauchen Wurzeln und Flügel. Die Wurzeln sind die Basis, nämlich geliebt und geachtet zu werden. Die Flügel wachsen dann im Laufe der Zeit, um damit ins eigene Leben zu fliegen. Damit das gelingt, brauchen sie mehr denn je uns alle. Oder um Maria Montessori sprechen zu lassen, “was Kinder betrifft, betrifft die Menschheit!”
Die Welt braucht unsere Kinder, unsere Zukunft. Daher ist es wichtig, dass sie Raum und Zeit zum Lernen erhalten ohne andauernd beurteilt zu werden. Kinder wissen heutzutage oft besser, was sie nicht können, als was sie können. Wenn Kinder wissen, was sie können, stärkt sie das, sie trauen sich mehr zu und können auch den einen oder anderen Misserfolg besser verkraften oder lassen sich davon nicht entmutigen.
Unsere Gesellschaft braucht unsere Kinder als starke, kreative, sich selbst kennende, mutige Persönlichkeiten. Das ist die Zukunft.